Bomben mit Langzeitwirkung

Uranhaltige Munition gilt als Urheber von Missbildungen in Irak

Von Karin Leukefeld

Ein Bericht des Integrierten Regionalen Informationsnetzwerkes (IRIN) der Vereinten Nationen griff vor wenigen Tagen ein international weit gehend tabuisiertes Thema auf. »Ärzte warnen vor einer Zunahme von Missbildungen bei Neugeborenen« in Irak, hieß es da, doch das Thema ist durchaus nicht neu.

Der erste Irak-Krieg ist seit 14 Jahren vorbei, doch seine Auswirkungen bestehen fort. Seit 1994 beobachten irakische Ärzte und Wissenschaftler, dass besonders in den südlichen Provinzen Iraks, Basra, Muthanna, Mathain und Nadschaf, Missbildungen und Krebsfälle bei Kindern und Neugeborenen drastisch zunahmen. Nicht nur irakische Ärzte äußerten seitdem wiederholt die Vermutung, dass die aus abgereichertem Uran hergestellte Munition der alliierten Streitkräfte aus dem Krieg 1991 dafür verantwortlich sei. Der radioaktive Staub gelangt nach einer Explosion mit Wind und Regen in Wasser und Boden und erreicht so über die Nahrungskette die Menschen.

Die Fälle von Missbildungen und Krebs wurden gewissenhaft dokumentiert. Auf grauenhaften Bildern im Archiv des Zentralen Krankenhauses in Basra waren Neugeborene mit nur einem Auge, mit einer Fleischmasse anstelle eines Kopfes, mit offenem Rücken und anderen schweren Schädigungen zu sehen. Die Frauen waren damals so schockiert, dass viele keine Kinder mehr bekommen wollten, doch im Westen ging man davon aus, dass es sich um Propaganda des Saddam-Hussein-Regimes handele.

Die USA-Armee gab inzwischen die Menge der 1991 verwendeten uranhaltigen Munition mit mehr als 300 Tonnen an. Bei der Invasion im Jahre 2003 wurde erneut solche DU-Munition eingesetzt, wie die britische Regierung auf eine entsprechende parlamentarische Anfrage bestätigte.

In dem nun von IRIN veröffentlichten Bericht sagte Dr.Nawar Ali vom Zentralen Lehrkrankenhaus der Bagdad Universität, dass es seit August 2003 allein in den staatlichen Krankenhäusern Bagdads insgesamt 650 Fälle von missgebildeten Neugeborenen gegeben habe. Das sei ein Anstieg um 20 Prozent gegenüber der Zeit vor der USA-Invasion. Untersuchungen aus privaten Kliniken seien nicht bekannt. In vielen Fällen seien sowohl der Vater als auch die Mutter der Neugeborenen uranhaltiger Munition ausgesetzt gewesen, ergänzte sein Kollege Dr. Ibrahim al-Jaburi.

Die neu registrierten Missbildungen bei Neugeborenen im Lehrkrankenhaus der Bagdad Universität ähneln denen der Kinder aus Basra Mitte der 90er Jahre: Hände mit mehr als fünf Fingern, Riesenköpfe, eine oder gar keine Lippen, keine Arme, keine Beine. 90 Prozent der Kinder werden nicht älter als eine Woche, berichtet der Arzt Wathik Ibrahim.

»Zwei meiner Kinder waren bei der Geburt missgebildet«, erzählt Fatima Hussein, eine 34-jährige Frau im Krankenhaus des Roten Halbmondes, die gerade von einem dritten, wieder missgebildeten Kind entbunden worden ist. Die Ärzte machen auch in ihrem Fall radioaktive Verseuchung verantwortlich, doch ihrem Mann ist das egal. »Er sagt, ich sei nicht in der Lage, gesunde Kinder zu gebären, nun will er sich scheiden lassen.«

Im April 2005 wurden im Krankenhaus des Roten Halbmondes 15 missgebildete Babys geboren, fast vier Fälle pro Woche. Die Analyse der Familiengeschichten lasse den Schluss zu, dass 60 Prozent der Fälle auf radioaktive Verseuchung in Südirak zurückzuführen seien.

Neues Deutschland, 3.6.2005

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